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„Zeit ist kostbar“ – die Behandlung der Multiplen Sklerose im Wandel

Ismaning, 29. Mai 2018 – Am 30. Mai ist Welt-MS-Tag. Unter dem diesjährigen Motto #bringinguscloser will die Multiple Sclerosis International Federation (MSIF) Menschen mit MS mit der Forschung vernetzen. Das Ziel: Gemeinsam Wege zu finden, um das Leben mit MS zu verbessern und die Erkrankung eines Tages für immer besiegen zu können.

Treppensteigen, dem Bus hinterhereilen oder die volle Kaffeetasse zum Schreibtisch balancieren – was für gesunde Menschen Kleinigkeiten im Alltag sind, kann für Menschen mit Multipler Sklerose ein Hindernis sein, das sie jeden Tag neu überwinden müssen. Die MS ist die häufigste Autoimmunerkrankung des Zentralen Nervensystems. Sie verläuft meist schubförmig und trifft Frauen doppelt so häufig wie Männer. MS ist eine noch unheilbare, chronische Erkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem Gewebe in Gehirn und Rückenmark zerstört. Jüngste Zahlen zeigen, dass die Zahl der Betroffenen höher ist, als bisher angenommen. In Deutschland geht man nach Berechnungen des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung von rund 240.000 Menschen aus [1]. Jüngst veröffentlichte Daten aus Dänemark zeigen, dass die Zahl der Neuerkrankten (Inzidenz) offenbar deutlich zunimmt; dort hat sie sich in den vergangenen 60 Jahren mehr als verdoppelt – dies lässt Rückschlüsse auf andere Industrienationen zu [2]. Solange die Krankheit nicht heilbar ist, gilt als wichtigstes Therapieziel die Freiheit von Krankheitsaktivität, gemessen an den Parametern Schubfreiheit, Freiheit von Behinderungsprogression sowie keine in der Kernspintomografie messbare Krankheitsaktivität. Weil sich die MS bei jedem Patienten ganz individuell äußert – daher auch ihr Beiname „die Krankheit der 1.000 Gesichter“ – sollte die Therapie auf spezifische Bedürfnisse der Patienten abgestimmt sein. Wichtig dabei ist: eine frühe Diagnose und Behandlung.

Neue Behandlungsmöglichkeiten und Therapieziele
Als Folge intensiver Forschung und Entwicklung haben sich für Patienten mit MS die Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert. Nach Einführung der ersten immunmodulatorischen MS-Therapien (Interferon beta, Glatirameracetat) in den frühen 1990er Jahren gelang es, bei einem Teil der Patienten das Fortschreiten von Behinderungen zu verlangsamen und die Schubrate zu reduzieren. Mit der Entwicklung von monoklonalen Antikörpern wie Natalizumab und Wirkstoffen wie Dimethylfumarat stehen Patienten und ihren behandelnden Ärzten eine Anzahl verschiedener Arzneimittel zur Verfügung, mit denen erstmals auch über längere Zeiträume eine vollständige Krankheitsfreiheit erreicht und besser auf individuelle Patientenbedürfnisse eingegangen werden kann. Diese Arzneimittel sind die Grundlage dafür, dass die Behandlungsziele für Menschen mit MS neu formuliert werden konnten: Als Behandlungsstandard gilt heute eine früh einsetzende Therapie mit möglichst effektiven Medikamenten und die rechtzeitige Umstellung bei unzureichender Wirkung mit dem übergeordneten Therapieziel „Freiheit von Krankheitsaktivität“.

„Zeit ist kostbar in der MS“, sagt Prof. Dr. Andreas Schmitt. Er ist medizinischer Direktor bei Biogen, einem weltweit führenden Entwickler und Anbieter von MS-Therapien. „Wir haben heute eine geradezu erdrückende Beweislast dafür, dass ein möglichst früher Therapiebeginn die Prognose der Patienten deutlich verbessern kann“, sagt der Neurologe. Das dürfte auch aus gesamtgesellschaftlichen Erwägungen heraus ein wichtiges Therapieziel sein. Denn mit dem Schweregrad der Behinderung steigen die Kosten für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft stark an. Das ist das Ergebnis einer aktuellen großen europaweit durchgeführten Studie zur Krankheitslast und den Kosten der MS, die nicht nur die krankheitsrelevanten Gesundheitsausgaben (z. B. Arzneimittel, Ausgaben für medizinische Betreuung), sondern auch die indirekten Kosten (z. B. Arbeitsausfall, Frühverrentung) ermittelt hat [3]. Neben den Kosten wurde in dieser Studie auch die Lebensqualität der Menschen mit MS erhoben. Anhand eines etablierten Fragebogens wurde ermittelt, dass ein großer Anteil der Patienten Einschränkungen in Sachen gesundheitsbezogener Lebensqualität empfindet; demnach berichten 71 Prozent der Patienten über Schmerzen/körperliche Beschwerden, 65 Prozent über Einschränkungen bei alltäglichen Tätigkeiten, 59 Prozent über Probleme bei der Beweglichkeit/Mobilität, 53 Prozent über Angst/Niedergeschlagenheit und bei 25 Prozent ist die Fähigkeit für sich selbst zu sorgen, eingeschränkt. Dies wirkt sich auch auf die Erwerbsfähigkeit der Patienten aus: Der Anteil der Patienten im erwerbsfähigen Alter, die beschäftigt oder selbständig sind, fällt von 72 Prozent bei einer milden MS auf nur noch 16 Prozent bei einer schweren Erkrankung. Je höher der Grad der Behinderung, desto höher sind die indirekten Kosten der Erkrankung, weil die betroffenen Menschen nicht mehr arbeiten gehen können und auf Hilfe angewiesen sind.

Für forschende Biotechnologieunternehmen wie Biogen ist die Entdeckung neuer MS-Therapien ein Schwerpunkt. In den neurologischen Pipelines der großen Unternehmen befinden sich laut des US-amerikanischen Pharmaverbandes [4] zurzeit 27 neue Wirkstoffkandidaten gegen die MS. „Für eine solch komplexe und sich so heterogen manifestierende Erkrankung ist die Entwicklung möglichst vieler verschiedener Wirkansätze kein Luxus, sondern Voraussetzung, damit wir den von der MS betroffenen Menschen auch eine jeweils passende Therapie anbieten können“, sagt Prof. Schmitt. Dabei steigen mit wachsendem Verständnis für die Entstehungsfaktoren der Krankheit die Chancen, immer bessere und gezieltere Medikamente zu entwickeln. So forscht Biogen z. B. an einem Antikörper, dem das Potenzial zugeschrieben wird, den durch die MS ausgelösten Abbau der Myelinscheide zu blockieren bzw. sogar wieder aufzubauen (Remyelinisierung). Die Myelinscheide bildet rund um die Nervenzellen eine schützende Schicht. Bei der MS greifen körpereigene Zellen diese Schicht an und zerstören diese (Demyelinisierung).  
„Wir verstehen uns als ein Pionier im Bereich des hochkomplexen Feldes der Neurowissenschaften“, so Prof. Schmitt. Sein Ziel: Die Expertise aus der langjährigen Erfahrung im Kampf gegen die MS auch in anderen neurologischen Bereichen einzusetzen, um neue Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Biogen hat deshalb seine Forschungsaktivitäten im Bereich Alzheimer und Parkinson deutlich ausgeweitet, forscht aber auch an Therapien für seltene Erkrankungen wie der progressiven supranukleären Blickparese (PSP). Die PSP ist eine seltene, unheilbare degenerative Erkrankung des Gehirns, für die es bis heute keine wirksamen Medikamente gibt. Sie ist verwandt mit der Parkinson-Erkrankung. Erst im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen das erste und einzige Arzneimittel gegen Spinale Muskelatrophie (SMA) auf den Markt gebracht. Die SMA ist eine genetisch bedingte Nervenerkrankung, die durch einen fortschreitenden Abbau von Motoneuronen im Rückenmark und im unteren Hirnstamm gekennzeichnet ist; ein Muskelschwund, der vor allem bei neugeborenen Kindern auftritt.

Quellen

  1. Jakob Holstiege et al.: Epidemiologie der Multiplen Sklerose – eine populationsbasierte deutschlandweite Studie. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Versorgungsatlas), Bericht 17/09 vom 07.12.2017.
  2. Nils Koch-Henriksen et al.: Incidence of MS has increased markedly over six decades in Denmark particularly with late onset and in women; in: Neurology. Veröffentlicht am 02.05.2018.
  3. Peter Flachenecker et al.: New insights into the burden and costs of multiple sclerosis in Europe: Results for Germany; in: Multiple Sclerosis Journal 2017, Vol. 23(2S) 78–90.
  4. PhRMA: Medicines in Development for Neurological Disorders 2018 Report. Veröffentlicht im April 2018: https://www.phrma.org/report/medicines-in-development-for-neurological-disorders-2018-report